Seit diesem Wochenende befindet sich Bordeaux im Weinfieber. Der 2010er Jahrgang steht zur Verkostung. Einige besonders wichtige Journalisten durften ihn schon letzte Woche probieren – mit dem Versprechen, ihre Beurteilungen erst später zu veröffentlichen. Einer hat sich nicht daran gehalten. Jetzt haben die Veranstalter Ärger – und die Welt weiß, wie die 100-Punkte-Kandidaten heißen. Weinkenner.de veröffentlicht die Bewertungen.
Der Mann heißt James Suckling, ist Amerikaner, und war bis zum letzten Jahr Europa-Chef des Wine Spectator, der in New York erscheinenden und wohl erfolgreichsten Weinfachzeitschrift der Welt. Inzwischen veröffentlicht er seine Degustationsnoten auf einer eigenen Website www.jamessuckling.com – allerdings nur für die zahlende Kundschaft.
Sylvie Cazes, Präsidentin der Union des Grands Crus de Bordeaux (UGCB), die das Massen-Tasting in Bordeaux veranstaltet, wird deshalb scharf angegriffen. Andere Journalisten, die sich brav an die Absprache gehalten haben, vor den en primeur-Verkostungen nichts zu veröffentlichen, fordern den Ausschluss des wortbrüchigen Kollegen aus dem Kreis der privilegierten Weinverkoster. Die Präsidentin reagiert gelassen. Sie halte den Vertrauensbruch „für ein eher marginales Problem“.
Recht hat sie. Angesichts der Bedeutung, die die Kampagne für die Chateaux, für Bordeaux, für die gesamte Weinwirtschaft der Welt hat, ist der Ungehorsam eines Pressevertreters kein wirklicher Aufreger. Es geht um Geld in dieser Woche, um viel Geld. Und um die Frage: Sind die 2010er genauso gut wie die 2009er? Vielleicht sogar noch besser, wie einige munkeln? Und wenn es so sein sollte: Steigen die Preise abermals? Wird sich die Spekulationsblase weiter füllen, wenn Ende Mai die Chateaux mit ihren Preisen herauskommen? Werden die Chinesen, die die Bordeaux-Spekulation im letzten Jahr massiv angetrieben hatten, weiterhin am Markt aktiv sein?
Fragen über Fragen. Wer die Notizen von Suckling liest (sie kursieren längst im Internet), kann keinen Zweifel daran haben, dass mit dem 2010er ein weiterer großer Jahrgang in den Kellern der Chateaux liegt. Allein vier Weinen gab der Amerikaner die Höchstnote von 100/100 Punkten. 28 Weine lagen zwischen 96 und potenziell 100/100 Punkten. Dabei hat Suckling noch nicht einmal alle Grands Crus verkosten können. Selbst wenn man berücksichtigt, dass er allgemein sehr großzügig mit Punkten hantiert und in der Vergangenheit manchmal sehr mutig bei seinen Bewertungen war – ein Jahrgang, den man überspringen kann, ist der 2010er sicher nicht.
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