Welt am Sonntag vom 20.11.2011

Rendite mit Rieslingen? WamS-Artikel von keiner Sachkenntnis getrübt

Am letzten Wochen­ende hat sich die Welt am Sonntag auf ihrer Finanz­seite mit dem Thema Wein befasst. „Rendite mit Ries­ling“ lautete die Über­schrift des Arti­kels. Darin wird behauptet, deut­scher Ries­ling eigne sich zur Geld­an­lage. Weinkenner.de warnt davor, der dubiosen Empfeh­lung der Sonn­tags­zei­tung zu folgen. Von Jens Priewe

Am letzten Wochen­ende hat sich die Welt am Sonntag auf ihrer Finanz­seite mit dem Thema Wein befasst. „Rendite mit Ries­ling“ lautete die Über­schrift des Arti­kels. Darin wird behauptet, deut­scher Ries­ling eigne sich zur Geld­an­lage. Weinkenner.de warnt davor, der dubiosen Empfeh­lung der Sonn­tags­zei­tung zu folgen. Von Jens Priewe

Welt am Sonntag, 20.11.2011Eigent­lich besteht der Artikel, den die Welt am Sonntag am 20. November 2011 auf Seite 54 im Finanz­teil veröf­fent­lichte, aus einem Loblied auf den deut­schen Ries­ling. Was für eine groß­ar­tige Rebsorte sie sei, wie gut sie in Deutsch­land gedeihe, dass der Wein­papst Hugh Johnson den aus ihr gekel­terten Weiß­wein als „den besten der Welt“ bezeichne und dass schließ­lich auch Günther Jauch dem Ruf dieses Weins erlegen sei und das alte Gut seiner Groß­tante an der Saar gekauft habe. Kurz: viel gequirlte Luft, wenig Substanz, was die Über­schrift „Rendite mit Ries­ling“ angeht.

Preissteigerung mit Wertentwicklung verwechselt

Nach dem dritten Absatz wird die WamS konkreter. Von einer stei­genden Werten­wick­lung des Ries­lings ist die Rede, bedingt durch die welt­weite Renais­sance dieses Weins. Erfreut reibt sich der Ries­ling­trinker die Augen – aller­dings nicht lange. Denn die Wert­ent­wick­lung, die der Autor Chris­tian Euler meint, ist nichts als die allge­meine Preis­stei­ge­rung für deut­schen Wein. Euler teilt mit, dass die jeweils neuen Jahr­gänge der deut­schen Spitzen-Rieslinge teurer seien als die vorher­ge­henden: eine Binsen­weis­heit, die auf nahezu alle Weine der Welt zutrifft, egal ob rot oder weiß.

Vor allem: Kein Wort darüber, ob auch die alten Jahr­gänge an Wert gewinnen, wenn die jungen teurer werden. Erst dann würde nämlich den Kapi­tal­an­le­gern eine Rendite winken. Genau das aber ist beim Ries­ling nicht der Fall – sieht man von einigen wenigen Ausnahmen ab.

Für Experten nichts als kalter Kaffee

Das einzig Beispiel, das der WamS-Autor bringt, um die Wert­ent­wick­lung alter Weine zu belegen, klingt für Laien zwar atem­be­rau­bend, ist für Experten aber kalter Kaffee: Vor zwölf Jahren erzielte eine Ries­ling Auslese vom Kied­ri­cher Berg aus dem Weingut Robert Weil bei einer Verstei­ge­rung bei Christie’s in London 20.000 D-Mark – der welt­weit höchste Preis, der bis dahin für eine Flasche Wein aus dem 20. Jahr­hun­dert gezahlt worden war. Tatsäch­lich handelte es sich bei dem Wein um eine einzelne Flasche des Jahr­gangs 1921. Wer seine Ries­linge so lange horten will, um mit ihnen Geld zu verdienen, muss einen langen Atem haben. Und ein langes Leben.

Außerdem können echte Kapi­tal­an­leger rechnen. Wenn die Preise für deut­sche Ries­linge zu Anfang des 20. Jahr­hun­derts hoch gewesen sind, kann die jähr­liche Rendite des Weil-Rieslings nicht sehr hoch gewesen sein. Sie muß durch die 78 Jahre geteilt werden, die der Wein im Keller gelegen hat.

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