Etikett 2009 Cos D'Estournel

2009 Cos d’Estournel: Ungeheurer Wein oder Wein-Ungeheuer?

Kein Wein aus dem Jahr­gang 2009 pola­ri­siert so stark wie der Cos d’Estournel. Bei einem Mini-Ertrag von nur 33 Hekto­liter pro Hektar und später Lese ist ein Wein-Ungeheuer mit einem ph-Wert von 3,69 und 14,5 Vol.% Alkohol entstanden. „Royale Finesse“ wie René Gabriel schreibt? Oder schlicht Bordeaux-Sirup? Ulrich Sautter hat den Wein Ende März in Bordeaux probieren können und war über­haupt nicht begeis­tert

Kein Wein aus dem Jahr­gang 2009 pola­ri­siert so stark wie der Cos d’Estournel. Bei einem Mini-Ertrag von nur 33 Hekto­liter pro Hektar und später Lese ist ein Wein-Ungeheuer mit einem ph-Wert von 3,69 und 14,5 Vol.% Alkohol entstanden. „Royale Finesse“ wie René Gabriel schreibt? Oder schlicht Bordeaux-Sirup? Ulrich Sautter hat den Wein Ende März in Bordeaux probieren können und war über­haupt nicht begeis­tert.

Die Primeur­weine des Jahr­gangs 2009 haben einen noch nie dage­we­senen Hype entfacht, und inmitten der ganzen Euphorie wurde kein Wein mit größeren Begeis­te­rungs­stürmen gefeiert als das Fass­muster des „Super Deuxième Cru“ Château Cos d’Estournel. James Suck­ling schwärmt im Wine Spec­tator von einem „unglaub­lich exoti­schen Wein, mögli­cher­weise dem besten je (auf dem Château) produ­zierten“. Robert Parker nennt ihn „einen der größten Jung­weine, die ich je verkostet habe – welt­weit“. Und auch der Schweizer Wein­kri­tiker René Gabriel findet getra­gene Worte: „Die gewal­tige Konzen­tra­tion meis­tert der erha­bene 09er Cos d’Estournel könig­lich und zele­briert eine royale Finesse (…)“.

Royal, daran mag etwas sein. Zumin­dest erin­nern die Reak­tionen auf den 2009er Cos ein wenig an das Märchen von „des Kaisers neue Kleider“. Denn der 2009er Cos ist ein höchst ambi­va­lenter Wein. Bei meiner Verkos­tung auf dem Château bekam ich ihn stark gekühlt serviert. Ein Bauerntrick, um die geschmack­liche Auswir­kung des Alko­hols zu kaschieren.

Das Château gibt 14,5 Vol.% als Alko­hol­ge­halt an: das dürfte eher ab- als aufge­rundet sein. Im Duft zeigte der Wein alle Anzei­chen einer enzy­mati­schen Behand­lung vor Beginn der Gärung. Durch Zugabe von Enzymen können Mole­küle aufge­spalten werden, die in den Beeren als Aroma­vor­stufen enthalten sind. Norma­ler­weise wandeln sie sich erst während der Flaschen­reife in Aroma­stoffe. Die Folge der Enzym­be­hand­lung jedoch ist ein turbo-fruchtiger Jung­wein mit einer unver­kennbar artif­zi­ellen Note.

Über­dies war der Wein – selbst bei einer Servier­tem­pe­ratur von etwa 14 Grad – als alko­ho­lisch zu erkennen, und zudem als über­ex­tra­hiert. Zuge­geben: Alle guten Bordeaux enthalten Gerb­stoff in rauen Mengen. Doch wenn ein Wein dermaßen viel Tannin aufweist wie der 2009er Cos d’Estournel – und dazu auch grünes, offenbar durch Trocken­stress der Reben hervor­ge­ru­fenes – dann geht es dem Weingut ganz offen­kundig nur um den Effekt und nicht darum, die drei Säulen eines klas­si­schen Bordeaux‘ auf ein sicheres Funda­ment zu stellen: Balance, Alte­rungs­ver­mögen und Trink­freude.

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