Die bes­ten Weiss­weine tra­gen in Deutsch­land die Bezeich­nung „Gro­ßes Gewächs“. Sie wer­den nach stren­gen Vor­schrif­ten erzeugt. Die wich­tigs­ten: Sie müs­sen tro­cken schme­cken und Spätlese-Charakter haben. Jens Priewe hat 179 die­ser Gro­ßen Gewächse vom Ries­ling aus dem schwie­ri­gen Jahr­gang 2008 pro­biert und bewer­tet. Sein Fazit: Nicht alle sind groß, aber die Bes­ten sind Weltklasse.

Wer gerne Ries­ling trinkt und etwas Aus­ser­ge­wöhn­li­ches im Kel­ler haben möchte, darf den Jahr­gang 2008 nicht ver­pas­sen. Er hat her­vor­ra­gende, ja aus­ser­ge­wöhn­li­che Weine her­vor­ge­bracht – zumin­dest bei den bes­ten Win­zern des Lan­des. Kein ehr­li­cher Ver­kos­ter kann abstrei­ten, dass sie zu den gröss­ten Weiss­wei­nen der Welt gehören.

Gegen­stück zum Vorgängerjahrgang

Ins­ge­samt ist 2008 aber ein durch­wach­se­ner Jahr­gang. Viele der ein­fa­chen Weine im QbA- und im Kabi­nett­be­reich zeich­nen sich durch eine hohe, unreife Säure aus, die die Weine unhar­mo­nisch schme­cken läßt. Nur aus den spät gele­se­nen Trau­ben konn­ten zufrie­den stel­lende Weine erzeugt wer­den. Die Aus­sage von Stef­fen Christ­mann, Win­zer aus dem pfäl­zi­schen Gim­mel­din­gen und Prä­si­dent des Ver­bands Deut­scher Prä­di­kats­win­zer (VDP), „dass die Qua­li­tät des 2008ers naht­los an die des 2007ers anschließt“, kann nicht bestä­tigt wer­den. Der Jahr­gang 2007 war nicht nur „sehr gut“ bis „gross“, son­dern auch sehr homo­gen. Der 2008er ist dage­gen nicht homo­gen, son­dern „gross“ nur in der Spitze bzw. bei aus­ge­wähl­ten Winzern.

Viele „brei­tär­schige“ Weine in 2007

Auch die Jahr­gangs­sti­lis­tik ist ganz anders als im Vor­jahr. Hat das Jahr 2007 wuch­tige, teil­weise fette, alko­hol­rei­che Weine her­vor­ge­bracht (die heute von eini­gen Win­zern hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand schon despek­tier­lich als „brei­tär­schig“ bezeich­net wer­den), sind die 2008er leich­ter, reb­sort­en­ty­pi­scher, säu­re­be­ton­ter. Sie besit­zen ein gros­ses Lager­po­ten­zial und kön­nen ver­mut­lich in 10 Jah­ren noch mit gro­ßen Genuß getrun­ken werden.

Pfalz begüns­tigt

Diese Sti­lis­tik kommt in 2008 vor allem den Wei­nen der Pfalz, des Rhein­gau und Rhein­hes­sens zu Gute. Aus deren Anbau­ge­bie­ten kommt eine große Zahl von Spit­zen­wei­nen, bei denen sich die erhöhte Säure und die gerin­ge­ren Alko­hol­ge­halte posi­tiv aus­wir­ken. Die Qua­li­tä­ten an Mosel, Nahe, Mit­tel­rhein und in Fran­ken, die in 2007 viele Über­flie­ger her­vor­ge­bracht hat­ten, sind dies­mal weni­ger bezwingend.

Würt­tem­berg und Baden verbessert

Die Weine aus Würt­tem­berg und Baden, wo der Ries­ling nur eine Neben­rolle spielt, zei­gen sich teil­weise deut­lich ver­bes­sert, was vor allem auf Inves­ti­tio­nen in Kel­ler­tech­nik und sorg­fäl­ti­gere Wein­bergsar­beit zurück­zu­füh­ren ist. Auch die Weine von Saale und Unstrut sind mitt­ler­weile auf Augen­höhe mit denen west­deut­scher Anbaugebiete.

Merk­wür­dige Preisschere

Eine Bemer­kung zur Ökono­mie: Die Preise der Gros­sen Gewächse des Ries­ling rei­chen von 15 bis 70 Euro. Diese Preis­un­ter­schiede spie­geln nicht immer die Qua­li­tät wider, son­dern auch die Knapp­heit bzw. das Reno­mée eines Wein­guts. Auch unter 20 Euro fin­den sich her­aus­ra­gende Qua­li­tä­ten, die teil­weise nur wenig unter denen der Spit­zen­ge­wächse lie­gen. Das gilt zum Bei­spiel für die Ries­linge von Josef Spreit­zer und Dr. Näg­ler aus dem Rhein­gau, von Horst Sauer aus Fran­ken, von Knip­ser und Phil­ipp Kuhn aus der Pfalz und an der Mosel von Reichs­graf von Kes­sel­statt und vor allem von Rein­hold Haardt.

Han­del ist noch gut sortiert

Einige Weine, vor allem die tra­di­tio­nell hoch bewer­te­ten, sind auf den Wein­gü­tern selbst nicht mehr ver­füg­bar. Im Han­del sind sie jedoch noch reich­lich vor­han­den, so daß sich die Suche nach ihnen lohnt.

Bemer­kun­gen zum Ranking

Ins­ge­samt erhiel­ten 231 Ries­linge die Aus­zeich­nung Gros­ses Gewächs. 179 davon konnte Jens Priewe Ende August in Wies­ba­den ver­kos­ten. Die Bewer­tun­gen und Kurz­kom­men­tare spie­geln seine sub­jek­ti­ven Prä­fe­ren­zen wider: „Ich liebe tro­ckene, mine­ra­li­sche Weine, keine gefäl­li­gen, ‚lecke­ren’ Weine, die durch zu viel Rest­süsse ‚rund’ und ‚har­mo­nisch’ gemacht wur­den. Inso­fern sagen meine Kom­men­tare viel über die Beson­der­hei­ten und das Rei­fe­po­ten­zial aus, wenig über den augen­blick­li­chen Zustand des jewei­li­gen Weins.“

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